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Bibliolog ...
Bibliolog lässt die Bibel lebendig werden, weil „jede und jeder etwas Wesentliches zu sagen hat“
Bibliolog ist eine Haltung der Bibel gegenüber und zugleich eine Methode, gemeinsam mit der Gemeinde, Jugendgruppe oder Schulklasse, aber auch in der Erwachsenenbildung und in Bibelgruppen eine biblische Geschichte zu entdecken. Die Teilnehmenden werden angeleitet, sich in Personen und Situationen einer biblischen Geschichte hinein zu versetzen. Sie schlüpfen sozusagen in die Rollen biblischer Personen. In diesen Rollen füllen sie die „Zwischenräume“ der Texte, das sogenannte „weisse Feuer“ mit eigenen Ideen aus und gewinnen dadurch einen neuen lebendigen Zugang zum geschriebenen Text, dem sogenannten „schwarzen Feuer“. Lebensgeschichte und biblische Geschichte verweben sich dabei miteinander und legen sich gegenseitig aus.
Woher kommt der Bibliolog? Entdeckt wurde der Bibliolog vom jüdischen Nordamerikaner Peter Pitzele auf dem Hintergrund seiner psychodramatischen und literaturwissenschaftlichen Kenntnisse. Nicht zufällig ist dieser Ansatz von einem Juden (der übrigens kein Theologe ist) entwickelt worden: Er entspricht der rabbinischer Auslegungsweise des Midrasch, nach der die Texte der Tora durch eine kreative Füllung ihrer Lücken immer wieder neu und anders ausgelegt werden sollen. Schon die rabbinische Hermeneutik unterscheidet zwischen dem „schwarzen Feuer“, den Buchstaben der biblischen Texte, und dem „weissen Feuer“ als dem Raum zwischen den Worten. Peter Pitzele lebt in New York und ist Mitglied im „Institut for Contemporary Midrash“.
Wie sieht ein Bibliolog konkret aus? Die Leitung eines Bibliologs wird als „Bibliologin“ oder „Bibliologe“ bezeichnet. Sie/er führt in die Methode und das, was die Teilnehmenden erwartet und was von ihr erwartet wird, im „Prolog“ zunächst kurz ein. Dann folgt eine Hinführung in die konkrete biblische Geschichte, die eine Identifikation mit den Gestalten erleichtert und erzählerisch die wesentlichen Informationen über den Text vermittelt. An einer Stelle, wo „weißes Feuer“ lodert und eine Identifikationsmöglichkeit nahe liegt, schlägt die Leitung die Bibel auf und liest einen ersten Abschnitt. Aus diesem weist sie den Teilnehmenden die Rolle einer biblischen Gestalt zu („enroling“) und spricht sie in dieser an. Mehrere Teilnehmende äussern sich. Dann führt die Leitung im Text weiter und bittet wieder, sich in eine Rolle zu versetzen.- Jeder Bibliolog endet mit dem Verlesen des ganzen Textes. Der Bibeltext soll das letzte Wort haben.
Das Textverständnis des Bibliologs Bibliolog geht davon aus, dass die biblischen Texte Menschen heute – in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen – etwas zu sagen haben. Dies geschieht aber nicht automatisch, sondern wird durch bestimmte Wege wahrscheinlicher gemacht. Gleichzeitig trägt er methodisch der exegetischen und systematisch-theologischen Erkenntnis Rechnung, dass der gleiche Text von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen und mit unterschiedlichen Erfahrungen auf ganz vielfältige Weise gehört wird. Jeweils andere Aspekte und Aussagen des Textes werden wichtig, je nachdem, wer sie in welcher Lebenssituation wahrnimmt. Es gibt nicht die eine Botschaft des Textes, der die einzelnen nur zustimmen oder sich von ihr abgrenzen können, sondern es geht um einen persönlichen Zugang zum Text. Damit wird gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet, auch die Zugänge anderer wahrzunehmen und dadurch die eigene Wahrnehmung zu erweitern, möglicherweise auch zu verändern! Die Vielfalt an Aussagen und die unterschiedlichen Perspektive, die dabei deutlich werden, relativieren die Subjektivität auch wieder, da die Subjektivitäten anderer gleiches Recht beanspruchen und den eigenen Zugang als lebensgeschichtlich geprägt erweisen. Ein wichtiger Aspekt gerade auch für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen.
Bibliolog im Detail In der Grundform des Bibliolog gibt es feste und bewährte Elemente. Sie helfen mit, das „weisse Feuer“ bei den Teilnehmenden zum Lodern zu bringen. Im echoing werden die Äusserungen der Teilnehmenden aufgenommen und eventuell verstärkt. Auf diese Weise werden die eher leisen Aussagen für alle hörbar, und nur angedeutete emotionale Gehalte werden hervorgehoben. Damit wird einerseits jede Äusserung als wertvoller Beitrag gewürdigt. Andererseits bekommen diejenigen, die sich äussern, die Chance, sich selbst noch ein wenig besser zu verstehen und noch tiefer in die Rolle hineinzukommen. Dieses „echoing“ verlangt von der Leitung neben der Fähigkeit zur Empathie und einem guten Kontakt zu den Einzelnen ein hohes Mass an Übung, denn Missverstehen und Fehlinterpretationen entmutigen und verkehren die Chance des Bibliologs in ihr Gegenteil. Wichtig ist zudem, dass die Rolle durch die Leitung nicht „besser“ oder „richtiger“ ausgefüllt wird, sondern dass das Anliegen der jeweiligen Person das Entscheidende bleibt. Im „interviewing“ kann auch nachgefragt werden, wenn beispielsweise Inhalte nur angedeutet werden. Die Leitung muss dabei jedoch ganz auf der Linie der Teilnehmenden bleiben, sie soll nicht Aspekte hervorlocken, die sie selbst interessiert.
Bibliolog lässt sich in ganz unterschiedlichen Handlungsfeldern einsetzen.
Bibliolog im Gottesdienst Grosses Interesse findet der Bibliolog im gottesdienstlichen Rahmen. Er bietet eine Möglichkeit mit der ganzen Gemeinde zu predigen, ohne das vertraute Setting zu verlassen: alle bleiben auf ihren Plätzen, niemand wird genötigt, sich aktiv zu beteiligen, aber allen wird ein Weg angeboten, dem biblischen Text persönlich zu begegnen und im Kontakt mit der eigenen Lebensgeschichte wesentliche Erkenntnisse über den Text und über seine Bedeutung für das eigene Leben zu gewinnen. Der Bibliolog kann dabei an Stelle der Predigt die Verkündigung ansprechend erlebbar machen. Es gibt aber auch andere Formen der Vertiefung im Gottesdienst.
Bibliolog und Bibliodrama Bibliolog ist dem Bibliodrama eng verwandt: Beide gehen davon aus, dass sich durch ein „Hineingehen“ in die biblischen Geschichten ein neuer Zugang zur Bibel eröffnet und dass die biblischen Geschichten einen Raum zur spielerischen Identifikation anbieten. Es gibt aber auch charakteristische Unterschiede. Der Anteil an Selbsterfahrung ist im Bibliolog geringer bzw. verbleibt in der Erfahrung der Teilnehmenden selbst. Bibliolog erfordert eine geringere Bereitschaft, sich auf innere Prozesse in einer Gruppe einzulassen. Methodisch ist der Bibliolog stärker strukturiert. Aufgrund dessen und aufgrund seiner Kürze (in der Regel 15–30 Minuten) lässt er sich flexibel in unterschiedlichen Handlungsfeldern einsetzen.
Wie und wo lernt man Bibliolog? Interessierte lernen in einem fünftägigen „Grundkurs“ die Haltung und Methoden umfassend kennen. Sie führen ihren ersten eigenen Bibliolog im Kurs durch und erhalten qualifiziertes Feedback. – Wer einen Grundkurs erfolgreich abgeschlossen hat, erhält das internationale Zertifikat „Bibliologe/Bibliologin“ Seit 2007 werden in der Schweiz regelmässig Grundkurse angeboten. Das Netzwerk Bibliolog Schweiz (NBS) arbeitet dabei oft mit der WeA, a+w / pwb zusammen. Bibliologausbildungen in der Romandie sind in Vorbereitung. In Ergänzung zu den bewährten Wochenkursen gibt es seit Kurzem auch einen Grundkurs an sechs Samstagen im Winterhalbjahr. Dazu sind Interessierte mit theologischer Ausbildung eingeladen, aber auch andere Personen.
Nähere Auskünfte erteilt: Hansruedi Pfister, Präsident des Netzwerks Bibliolog Schweiz. Bitte beachten Sie unsere Homepage: www.bibliolog.ch
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